Marketingprofile der demokratischen Parteien · Stand 11. September 2026
Strategien für Demokraten
Wofür jede Partei steht, wen sie erreicht, was sie liefern kann und wer es tun soll. Fünf Profile, ein Kabinett, ein Blick bis 2035.
Die Prämisse
Keine Partei deckt das ganze Land ab; das ist der Sinn der Sache. Marketing heißt hier Klarheit: Wofür steht die Partei, an wen richtet sie sich, was kann sie liefern, wer soll es tun. Wer das nicht beantwortet, überlässt die Antwort dem Gegner. Der hat es leichter: Demokratische Parteien bieten Lösungen an, Populismus erklärt, wer schuld ist. Schuldige sind billiger.
Die fünf auf einen Blick
| Partei | Wertebasis | Kernthemen | Kernwähler 2025 | Realistische Rolle 2029 |
|---|---|---|---|---|
| Union | christliche Soziallehre, soziale Marktwirtschaft, Westbindung, Landesväter-Tradition | Verlässlich regieren; Arbeit und Mittelstand; Familie und Heimat | über 60, Selbständige, Katholiken, Land | Kanzlerpartei, aber nur im Dreierbündnis |
| SPD | Aufstieg durch Arbeit und Bildung, Gerechtigkeit, Sozialstaat | Arbeit und Aufstieg; Wohnen (bauen); Schutz nach außen und innen | über 60, Gewerkschafter, öffentlicher Dienst | Juniorpartner oder Erneuerung in der Opposition |
| Grüne | Bewahrung von Natur und Lebensgrundlagen, Bürgerrechte, Europa | Energie und Klima mit Rechnung; Bewahren als Heimat; Europa und Freiheit | Beamte, Akademiker, Städte, Frauen | Koalitionspartner nach beiden Seiten |
| FDP | Freiheit des Einzelnen, Rechtsstaat, Marktwirtschaft, Bildung | Rechtsstaat und Bürgerrechte; Gründer; Bildung als Aufstieg | Selbständige, Freiberufler; 2021 auch Junge | Wiedereinzug unsicher; Wiederaufbau über Länder |
| Linke | Sozialstaat, Mieter, Frieden, Ostinteressen | Mieten und Wohnen (Schutz); Preise und Alltag; junge Sicherheit | unter 25, Städte, Mieter, Pflege | im Bund keine Regierung; bindet den jungen Protest |
Wer wen erreicht
Kern: die Gruppe wählt die Partei überdurchschnittlich. Erreichbar: Einschätzung des Verfassers, wo ein Angebot fehlt. Verloren: die Gruppe ist an eine andere Partei gegangen.
| Zielgruppe | Union | SPD | Grüne | FDP | Linke |
|---|---|---|---|---|---|
| Unter 25 | verloren | verloren (7 %) | erreichbar (Wohnen, Klima) | erreichbar (2021: 23 %) | Kern (25 %) |
| Über 60 | Kern (39 %) | Kern (23 %) | – | – | verloren (5 %) |
| Arbeiter | verloren an AfD | verloren an AfD (38 %) | verloren (5 %) | – | erreichbar (Gewerkschaftslinke) |
| Selbständige, Mittelstand | Kern (35 %) | – | erreichbar (Energiewende-Handwerk) | Kern | – |
| Beamte, Akademiker | erreichbar | Kern (öffentlicher Dienst) | Kern (19 %) | – | erreichbar (Prekariat) |
| Osten außerhalb der Städte | verloren (Sachsen-Anhalt 17 %) | verloren (9 %) | verloren | verloren | verloren an AfD und BSW |
| Aufsteiger mit Migrationsgeschichte | erreichbar (konservative Werte) | erreichbar (Sozialstaat als Chance) | – | erreichbar (Unternehmer) | – |
| Mieter in Großstädten | – | erreichbar (wenn Bau liefert) | erreichbar | – | Kern |
| Land, Naturschutz, Heimat | Kern | – | erreichbar (Özdemir-Wähler) | – | – |
Die Themenlandkarte
Unterscheidbarkeit heißt: Jedes Thema hat einen Besitzer, und jeder Besitzer hat höchstens einen Konkurrenten. Wo zwei Parteien dasselbe sagen, gewinnt die, der man es zutraut. Einschätzung des Verfassers.
| Thema | Besitzer | Konkurrent | Woran man den Besitz erkennt |
|---|---|---|---|
| Ordnung, Verwaltung, Sicherheit im Alltag | Union | AfD | Genehmigungszeiten, Polizeipräsenz, Ämter, die antworten |
| Wirtschaft, Mittelstand, Standort | Union | FDP | Energiepreise, Bürokratie, Investitionen |
| Arbeit und Aufstieg: Löhne, Ausbildung, Tarif | SPD | Linke | Reallöhne, Tarifbindung, Ausbildungsverträge |
| Wohnen: bauen und kaufen | SPD | Union (Eigentum) | Fertigstellungen, Bauzeit, Eigentumsquote junger Familien |
| Wohnen: Mieten und Schutz | Linke | SPD | Neuvertragsmieten, Mietrecht, kommunaler Bestand |
| Rente und Pflege | SPD | Union (Kommission), Linke (Löhne) | Rentenniveau, Beitragssatz, Pflegepersonal |
| Energie, Klima, Bewahrung von Natur und Heimat | Grüne | Union (Preise) | Strompreis, Netzentgelte, Speicher, Hochwasserschutz |
| Rechtsstaat, Bürgerrechte, Digitales | FDP | Grüne | Überwachungsgesetze, Datenschutz, Gerichte gegen Populismus |
| Preise und Alltag: Ticket, Kita-Essen, Lebensmittel | Linke | SPD | Konkrete Preise mit Termin |
| Gesundheit: Beiträge und Zugang zu Ärzten | unbesetzt | Union (Ministerium, Primärarzt), SPD und Linke (Bürgerversicherung), FDP (privat) | Zusatzbeitrag, Wartezeit auf Facharzttermine, Landärzte |
| Pensionen und Beamtenversorgung | unbesetzt | Linke (Einbeziehung), AfD (Neid-Vergleich) | Versorgungsausgaben, Einbeziehung in die Rente |
| Pharma und Life Sciences als Standort | Union (Wirtschaft) | FDP, Grüne (Forschung) | Investitionen wie Alzey, Erstattungspreise, Genehmigungen |
| Bildung | unbesetzt | Union (Prien), FDP (Erbe), Grüne (Milieu) | Lehrerstellen, Kita-Plätze, Ausbildungsgarantie |
| KI und Arbeit | unbesetzt | SPD (Mitbestimmung), FDP (Gründer), Linke (Verteilung) | Einstiegsjobs, Weiterbildung, Verwaltung |
| Demografie und Zuwanderung | unbesetzt | alle | Fachkräftelücke, Rentenbeitrag, Anerkennung von Abschlüssen |
Fünf Themen haben keinen Besitzer: Gesundheit (Zugang), Pensionen, Bildung, KI und Arbeit, Demografie. Das sind die Felder, auf denen 2029 Unterscheidbarkeit zu gewinnen ist.
Ausgangslage
September 2026
Die AfD ist stärkste Kraft in den Umfragen. Die demokratischen Parteien zusammen halten rund zwei Drittel, aber jede einzelne ist schwächer als je zuvor.
Sonntagsfrage Bund
Werte der Institute Anfang September 2026 (Ipsos 26. bis 31. August; INSA 5. September). Bundestagswahl 2025 zum Vergleich.
| Partei | Wahl 2025 | Ipsos | INSA |
|---|---|---|---|
| AfD | 20,8 | 27 | 27,6 |
| CDU/CSU | 28,5 | 21 | 20,6 |
| Grüne | 11,6 | 15 | 15,0 |
| Linke | 8,8 | 13 | 11,8 |
| SPD | 16,4 | 12 | 12,6 |
| FDP | 4,3 | 5 | 4,2 |
| BSW | 4,97 | – | 3,0 |
Union und SPD zusammen liegen bei rund 33 Prozent; die drei Parteien der demokratischen Mitte ohne Linke (Union, SPD, Grüne) bei rund 48. Eine Regierung ohne AfD braucht 2029 nach heutigem Stand drei Partner.
Landtagswahlen 2026
| Land, Datum | Ergebnis | Folge |
|---|---|---|
| Baden-Württemberg, 8. März | Grüne knapp vor CDU (0,5 Punkte), je 56 Sitze; AfD rund 18; SPD schlechtestes Landesergebnis; FDP 4,4, draußen | Cem Özdemir Ministerpräsident einer grün-schwarzen Koalition, Manuel Hagel Stellvertreter und Innenminister (seit 13. Mai) |
| Rheinland-Pfalz, 22. März | CDU 30,9, SPD 25,9, AfD 19,6, Grüne 7,9; FDP 2,1, Linke und Freie Wähler draußen | Gordon Schnieder (CDU) löst nach 35 Jahren die SPD ab; große Koalition. Die AfD mit ihrem besten Westergebnis. |
| Sachsen-Anhalt, 6. September | AfD 43,8, CDU 17,2, SPD 9,3, Grüne 8,9, Linke 8,6, BSW 5,3, FDP 2,6 | AfD verdoppelt, verfehlt die absolute Mehrheit knapp. Siegmund will Ministerpräsident werden; das BSW stellt eine Enthaltung im dritten Wahlgang in Aussicht, die CDU schließt Linke und AfD aus. Landtag konstituiert sich am 6. Oktober; Schulze tritt als Landesvorsitzender nicht mehr an. |
| Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, 20. September | offen | In Berlin regiert CDU/SPD, in MV SPD/Linke. |
Wer wählt wen (Bundestagswahl 2025, Nachwahlbefragungen)
- Alter: Unter 25 wählten 25 Prozent Linke und 21 Prozent AfD. Ab 60 wählten 39 Prozent Union, 23 Prozent SPD, 15 Prozent AfD, 5 Prozent Linke.
- Beruf: Bei Arbeitern ist die AfD mit 38 Prozent (Infratest; Forschungsgruppe Wahlen: rund 30) stärkste Partei. Die Union führt bei Selbständigen (35) und Ruheständlern (39). Die Grünen erreichen bei Beamten 19 Prozent, bei Arbeitern 5.
- Konfession: Katholiken wählten zu 39 Prozent Union, zu 19 AfD, zu 15 SPD. Konfessionsfreie zu 24 Prozent AfD, 22 Union, 12 Linke.
- Wanderung: Die Linke gewann 700.000 Stimmen von den Grünen und 560.000 von der SPD. Die AfD holte 1,8 Millionen frühere Nichtwähler. Wahlbeteiligung 82,5 Prozent.
Personal im Ranking
Im INSA-Politikerranking führt im Sommer 2026 Boris Pistorius (SPD) vor Cem Özdemir (Grüne) und Hendrik Wüst (CDU). Drei Parteien, drei Personen, keine davon ist Parteivorsitzende oder Kanzler. Das ist der Ausgangspunkt für das .
Ausblick
Zukunft bis 2035: KI, Demografie, Wohnen
Drei Entwicklungen, die feststehen, und die Frage, welche Partei sich darauf festlegt.
1. Demografie: Die Babyboomer gehen
- Bis 2040 erreichen 13,3 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter, rund 30 Prozent der heutigen (Destatis, Mikrozensus 2025, Juni 2026).
- Jedes Jahr verlassen etwa 1,3 Millionen Ältere den Arbeitsmarkt, rund 800.000 Jüngere rücken nach. Bis 2036 fehlen 4,3 Millionen Arbeitskräfte; das Erwerbspersonenpotenzial sinkt um sieben Prozent auf rund 51 Millionen (IW, Juni 2026; 2024 lag die Schätzung noch bei drei Millionen).
- Die Bevölkerung schrumpft seit 2025 (minus 100.000), auf unter 82 Millionen bis 2040; das Geburtendefizit liegt bei 350.000 pro Jahr. Die Zuwanderung, die das bisher ausglich, hat nachgelassen.
- Auf 100 Menschen im Erwerbsalter kommen 2040 etwa 41 über 67-Jährige, 2022 waren es knapp 30.
Was das politisch heißt. Die Rentenkommission hat am 24. Juni 2026 einstimmig 33 Empfehlungen vorgelegt. Sie rechnet damit, dass der Beitragssatz bis 2031 über 22 Prozent steigt. Die Haltelinie von 48 Prozent gilt bis Juli 2031. Danach soll der Nachhaltigkeitsfaktor zurückkehren, ab 2032 eine gesetzliche Kapitalrente das Niveau stützen, das Rentenalter der Lebenserwartung folgen, und langfristig sollen alle Erwerbstätigen einzahlen, auch Selbständige und Beamte. Merz hat die vollständige Umsetzung zugesagt. Das ist die größte Lieferaufgabe der Koalition bis 2029. Jede Partei braucht dazu eine Antwort, die zu ihrer Zielgruppe passt: die Union zur Zuwanderung, die sie nicht will; die SPD zum längeren Arbeiten, das ihre Wähler nicht wollen; die Grünen zur Familienpolitik, die sie selten zuerst nennen.
2. KI: viel Verschiebung, wenig Netto
- Das KI-Szenario von IAB, BIBB und GWS (November 2025) erwartet über 15 Jahre rund 790.000 neue und 790.000 wegfallende Arbeitsplätze, also fast keine Nettoveränderung, bei kumuliert 4,5 Billionen Euro zusätzlicher Wertschöpfung. Das Substituierbarkeitspotenzial liegt bei Büroberufen über 66 Prozent, bei Bau- und Ausbauberufen bei 42,5.
- Die Verschiebung trifft die Jungen zuerst: In den USA sank die Beschäftigung 22- bis 25-Jähriger in stark KI-exponierten Berufen seit 2022 um 11 Prozent, der Abstand zu wenig exponierten Berufen liegt 2026 bei 19 Punkten (Stanford, ADP-Daten). In Deutschland fielen die Ausbildungsverträge um 9 Prozent, bei Fachinformatikern um 19 Prozent; die Bundesagentur zählte 2025 22 Prozent weniger offene IT-Stellen.
- Der Arbeitsmarkt ist 2026 zugleich flau und knapp: 3,06 Millionen Arbeitslose, 6,5 Prozent (August 2026), Defizit der Bundesagentur über zehn Milliarden Euro, und trotzdem Fachkräftemangel in Pflege, Bildung, Handwerk, Verwaltung.
- Der Anteil KI-bezogener Stellenanzeigen liegt bei 1,3 Prozent (PwC 2026); Deutschland bleibt Anwendermarkt. Unternehmen mit hoher KI-Exposition wachsen bei der Produktivität rund 40 Prozent schneller.
Was das politisch heißt. KI ersetzt die Demografie nicht: Sie senkt den Bedarf in Büros und erhöht ihn in Rechenzentren, Pflege und Handwerk nicht. Die politischen Fragen sind konkret: Einstiegsjobs und Ausbildung für die Jahrgänge, die jetzt anfangen; Weiterbildung für Büroberufe; Mitbestimmung beim Einsatz; Strom für Rechenzentren; Bürgerrechte gegenüber automatisierter Überwachung; und die Verteilung der Produktivitätsgewinne, aus denen Renten und Pflege bezahlt werden müssen. Jede dieser Fragen gehört zu einer anderen Partei.
3. Wohnen: die Lücke wächst
- 2025 wurden 206.600 Wohnungen fertiggestellt, 18 Prozent weniger als 2024 und der niedrigste Wert seit 2012 (2021 bis 2023: rund 294.000 pro Jahr; Ziel der Vorgängerregierung: 400.000).
- Die Genehmigungen steigen wieder: 238.500 im Jahr 2025 (plus 10,8 Prozent), Januar bis Mai 2026 plus 15,4 Prozent. Aber zwischen Genehmigung und Fertigstellung liegen inzwischen 27 Monate (2020: 20), und die Baukosten sind seit 2020 um rund ein Drittel gestiegen.
- Neuvertragsmieten stiegen Ende 2025 um 4,1 Prozent (IW), die Nettokaltmieten seit 2020 um knapp zehn Prozent; Berlin meldet im ersten Halbjahr 2026 eine leichte Korrektur auf 18,66 Euro je Quadratmeter.
- Die Demografie hilft nur scheinbar: Die Babyboomer besitzen die Einfamilienhäuser, die junge Familien brauchen; ohne Umzugsanreize bleiben sie darin wohnen, und die Nachfrage nach kleinen Wohnungen in den Städten steigt weiter.
Was das politisch heißt. Wohnen ist das Thema, an dem sich für Menschen unter 45 entscheidet, ob Politik liefert. Es ist zugleich das Thema, bei dem die SPD das Ressort hat und die Linke die Zustimmung. Wer bis 2029 die Fertigstellungen sichtbar über 300.000 bringt und die Bauzeit unter zwei Jahre, gewinnt die Zielgruppe, die alle anderen verloren haben.
4. Gesundheit: Beiträge steigen, Zugang wird zur Gerechtigkeitsfrage
- Der durchschnittliche Zusatzbeitrag der Krankenkassen liegt 2026 tatsächlich bei 3,36 Prozent (GKV-Spitzenverband), amtlich festgesetzt waren 2,9; seit 2022 hat er sich mehr als verdoppelt. Die Ausgaben steigen um rund acht Prozent im Jahr, doppelt so schnell wie in den 2010ern.
- Die Finanzierungslücke liegt 2027 bei rund 19 Milliarden Euro und wächst bis 2030 auf rund 44 Milliarden (FinanzKommission Gesundheit). Kein europäisches Land gibt einen höheren Anteil seines Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus; das Problem ist die Steuerung, nicht das Geld.
- Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (Bundestag 10. Juli 2026, Warken) kürzt ab 2027 bei Praxen, Kliniken und Pharma (Herstellerabschlag von 7 auf 15,5 Prozent), senkt den Bundeszuschuss auf 13,15 Milliarden und erhöht die Beiträge für Grundsicherungsempfänger schrittweise. Die Lücke bleibt 2029/30 offen; die Strukturvorschläge kommen Ende 2026.
- Das verbindliche Primärarztsystem – erst zum Hausarzt, dann zum Facharzt, Ausnahmen Augen- und Frauenarzt – ist in Vorbereitung; spürbare Wirkung erwartet das Ministerium frühestens 2028. Die Krankenhausreform ist in Kraft, die Notfallreform im Kabinett.
Wo die Gerechtigkeitsfrage liegt. Beim Zugang: Facharzttermine, Wartezeiten, Landärzte, der Unterschied zwischen gesetzlich und privat. Wenn ab 2027 Praxen weniger Kassentermine anbieten, weil die Vergütung sinkt, spüren das zuerst Menschen ohne Beziehungen und ohne Privatversicherung. Dieses Thema hat keine Partei besetzt. Die Linke sagt Bürgerversicherung, die SPD auch, aber leise; die Union hat das Ministerium und das Sparpaket; die FDP verteidigt die private Krankenversicherung. Wer einen Termin garantiert – Facharzt binnen vier Wochen, Hausarzt in Reichweite –, hat ein Thema mit Messgröße.
5. Pensionen: die zweite Rentenfrage
- Am 1. Januar 2025 gab es 1,42 Millionen Pensionäre des öffentlichen Dienstes; das durchschnittliche Ruhegehalt lag bei 3.416 Euro brutto, ein Viertel mehr als vor zehn Jahren. Ein Drittel der Pensionäre kommt aus dem Schuldienst der Länder.
- 2024 zahlte der Staat 56,9 Milliarden Euro Pensionen und 9 Milliarden Hinterbliebenenversorgung, rund 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; mit Beihilfen sind es rund 90 Milliarden. Der Bund allein rechnet mit einem Anstieg seiner Versorgungsausgaben von 19,8 Milliarden (2025) auf 30,6 Milliarden (2060); für Bund, Länder und Kommunen zusammen liegen die Prognosen bei bis zu 120 Milliarden im Jahr.
- Das Bundesverfassungsgericht entschied am 17. September 2025, dass Haushaltsnot keine Kürzung der Beamtenversorgung rechtfertigt. Die Rentenkommission empfiehlt, langfristig alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rente einzubeziehen, auch Beamte; der DGB lehnt das ab.
Wer das adressiert. Niemand gern. Die Linke fordert die Einbeziehung, die Grünen haben sie im Programm, die SPD scheut die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes, die Union die eigenen Wähler bei Beamten und Lehrern, die FDP hat kein Interesse. Der Gerechtigkeitsvergleich – 3.416 Euro Pension gegen 1.677 Euro Durchschnittsrente bei besonders langjährig Versicherten – wird deshalb von der AfD bewirtschaftet. Ein Thema, das die Mitte gemeinsam setzen müsste, weil es einzeln keine Partei überlebt.
6. Pharma und Life Sciences: die Standortfrage im Gesundheitswesen
- Im Juni 2026 halbierte Eli Lilly die geplante Fabrik in Alzey (Rheinland-Pfalz): 500 statt 1.000 Arbeitsplätze, obwohl von den geplanten 2,3 Milliarden Euro schon mehr als eine Milliarde investiert war. Boehringer Ingelheim strich 900 Millionen Euro für 2027 bis 2030. Beide nannten denselben Grund: das Sparpaket mit dem dynamisierten Herstellerabschlag. Lilly-Chef Ricks nannte es „ein schreckliches Signal“; der freigewordene Betrag geht voraussichtlich nach Pennsylvania.
- Die Arzneimittelausgaben der Kassen stiegen im ersten Quartal 2026 um 6,4 Prozent; die Pharmastrategie von 2023 hatte Planbarkeit zugesagt, der Pharmadialog läuft nur im Gesundheitsressort. Die USA erheben Zölle auf Arzneimittel und befreien, wer in den USA produziert; Roche, Novartis, Lilly und Johnson & Johnson haben dort zweistellige Milliardenbeträge angekündigt.
- Sachsen-Anhalt beschloss im Juni einen eigenen Pharma-Pakt (30.000 Beschäftigte, beschleunigte Genehmigungen). Die Länder handeln, der Bund spart.
Was das politisch heißt. Der Konflikt liegt innerhalb der Union: Das Gesundheitsministerium spart bei denselben Unternehmen, die das Wirtschaftsministerium als Standort umwirbt. Pharma ist neben Energie die Branche, in der Deutschland noch Wachstum und Forschung hat; Krankenkassenbeiträge und Standort sind hier dieselbe Rechnung. Eine Partei, die beides zusammen denkt – Erstattungspreise mit Planbarkeit, Genehmigungen mit verbindlicher Dauer, Energiepreise für Produktion –, besetzt ein Feld, das gerade frei wird.
7. Kooperation der Zukunft: Was die Mitte gemeinsam setzen muss
Fünf Themen lassen sich nicht gegeneinander gewinnen, weil sie länger dauern als eine Legislatur und Mehrheiten über Lager hinweg brauchen. Hier ist Unterscheidbarkeit zweitrangig; hier zählt, dass die demokratischen Parteien den Rahmen gemeinsam setzen und sich innerhalb des Rahmens unterscheiden.
| Thema | Gemeinsamer Rahmen | Wo sich die Parteien unterscheiden |
|---|---|---|
| Rente und Pensionen | Umsetzung der Kommission (Haltelinie, Kapitalrente, Rentenalter nach Lebenserwartung), Einbeziehung aller Erwerbstätigen als Ziel | Tempo, Ausnahmen, Finanzierung aus Steuern oder Beiträgen |
| Gesundheit | Primärversorgung, Termingarantie beim Facharzt, Strukturreform statt Sparrunden, Beihilfe und GKV zusammen denken | Bürgerversicherung oder duales System, Rolle privater Anbieter |
| Demografie und Zuwanderung | Fachkräftezuwanderung mit Anerkennung in Wochen, Integration über Arbeit, Familienpolitik als Standortpolitik | Steuerung, Obergrenzen, Sprache |
| Wohnen | Fertigstellungen als Ziel mit Zahl (300.000), Bauzeit unter zwei Jahren, Bauland | Eigentum (Union) oder Mietschutz (Linke), kommunaler Bau (SPD), Bestand (Grüne) |
| Energie und KI-Infrastruktur | Netze, Speicher, Strom für Rechenzentren, verbindliche Genehmigungsdauern | Preisinstrumente, Rolle der Kernkraft, Verteilung der Netzkosten |
| Bildung und Ausbildung | Ausbildungsgarantie, Lehrkräfte, Einstiegsjobs im KI-Wandel | Föderalismus, Gymnasium, Ganztag |
Das ist die Lehre aus der Schwesterseite: Das Playbook findet Kunden, wo die Kooperation nicht liefert. Die Mitte kann sich Streit um Instrumente leisten, nicht um Ziele.
8. Worauf sich die Parteien festlegen könnten
Je drei Wetten, die zur Wertebasis und zur Zielgruppe passen und sich nicht überschneiden. Einschätzung des Verfassers; die Begründung steht auf den Profilseiten.
| Partei | Demografie | KI | Wohnen | Gesundheit |
|---|---|---|---|---|
| Geordnete Fachkräftezuwanderung als Wirtschaftspolitik; Rentenreform umsetzen | Verwaltung mit KI: Genehmigungen in zwölf Monaten, Ämter, die antworten | Eigentum für Familien: Grunderwerbsteuer, Umzugsketten aus Boomer-Häusern | Pharma-Standort und Kassenbeiträge als eine Rechnung; Primärversorgung mit Termingarantie | |
| Pflegepersonal und Rente: Kapitalrente sozial, längeres Arbeiten freiwillig und bezahlt | KI und Arbeit: Weiterbildungsanspruch, Mitbestimmung, Ausbildungsgarantie | Bauen: 300.000 Fertigstellungen 2029, Bauzeit unter zwei Jahren, kommunaler Bau | Zugang zu Ärzten als Gerechtigkeitsthema: Facharzttermin binnen vier Wochen, Landarztquote | |
| Familien und Zuwanderung als Zukunftsthema, Kinderbetreuung | Strom für KI: Rechenzentren, Netzentgelte, Speicher – billige Energie als Standortfrage | Bauen im Bestand, Umbau, Klimaanpassung der Städte | Prävention, Hitze und Gesundheit, Bürgerversicherung als Fernziel | |
| Aktienrente, längeres Arbeiten nach Wahl, Zuwanderung ohne Bürokratie | Bürgerrechte digital: Überwachung, Datenschutz, KI-Haftung; Gründer und Mittelstand | Genehmigung als Bürgerrecht: Antwortet das Amt nicht rechtzeitig, gilt der Antrag als genehmigt | Digitalisierung der Versorgung, Wettbewerb der Kassen, Forschungsstandort Pharma | |
| Pflegelöhne, Personalbemessung, Pflegevollversicherung | Verteilung der Produktivitätsgewinne: Arbeitszeit, Löhne, Einstiegsjobs für Junge | Mieten: Mietrecht, Vorkaufsrecht, kommunaler Bestand | Bürgerversicherung, Einbeziehung der Beamten, Zuzahlungen deckeln |
Gedankenspiel
Das Kompetenz-Kabinett
Wenn die Mitte 2029 regieren will, braucht sie drei Parteien und Personen, denen die Wähler die Aufgabe zutrauen. Ein Vorschlag, gemessen an Umfragen, Ämtern und Bilanz.
Die Annahme
Nach heutigen Zahlen erreicht keine Zweierkoalition ohne AfD eine Mehrheit. Realistisch ist ein Bündnis aus Union, Grünen und SPD, wie in Sachsen-Anhalt 2016 bis 2021 und wie es Baden-Württemberg 2026 in der Zweiervariante vorführt. Das Kabinett unten ist eine Einschätzung des Verfassers, keine Prognose. Kriterien: Zustimmungswerte, nachgewiesene Lieferung im Amt, Passung zur Zielgruppe der Partei.
| Ressort | Person | Partei | Begründung |
|---|---|---|---|
| Kanzler | Hendrik Wüst | CDU | Regiert das größte Land, Platz drei im Ranking, spricht die Mitte an, ohne den Rahmen der AfD zu übernehmen. Merz bleibt der Kanzler bis 2029; die Frage ist, mit wem die Union 2029 antritt. |
| Vizekanzler, Wirtschaft und Energie | Cem Özdemir | Grüne | Platz zwei im Ranking, einziger Grüner mit klar positiver Wirkung auf die eigene Partei, hat mit der CDU eine Koalition gebildet. Haken: Er hat gerade erst Stuttgart übernommen. |
| Verteidigung | Boris Pistorius | SPD | Seit 2023 der beliebteste Politiker des Landes, über Parteigrenzen hinweg anerkannt. Bleibt, wo er ist. |
| Finanzen | Lars Klingbeil | SPD | Hat das Amt seit 2025; die Kontinuität ist ein Wert. Sein Problem ist die Doppelrolle, nicht das Ressort. |
| Inneres | Daniel Günther | CDU | Sicherheit ohne Kulturkampf; regiert seit 2017 mit Grünen und FDP in Kiel. Alternative: Manuel Hagel, der das Ressort in Stuttgart unter einem grünen Ministerpräsidenten führt. |
| Arbeit und Soziales | Bärbel Bas | SPD | Ruhrgebiet, Glaubwürdigkeit bei den Kernwählern, 95 Prozent auf dem Parteitag. Als Ministerin stärker als als Vorsitzende. |
| Bildung und Familie | Karin Prien | CDU | Liberal-konservativ, seit 2025 im Amt, Brücke zu Grünen und SPD. |
| Justiz | Stefanie Hubig | SPD | Unauffällig und solide. Das braucht das Ressort gegenüber einer Opposition, die Gerichte zum Feind erklärt. |
| Europa und Außen | Franziska Brantner | Grüne | Europaparlament, Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, Parteivorsitzende: außenpolitisch die profilierteste Grüne nach Baerbock, ohne deren Polarisierung. |
| Bauen und Wohnen | Verena Hubertz | SPD | Das Ressort, an dem die Linke die SPD überholt hat. Wer hier liefert, gewinnt die Mieter zurück. |
| Kanzleramt | Nina Warken | CDU | Hat 2026 das Sparpaket der Krankenversicherung gegen Widerstände durchgesetzt und führt seit Juli das Kanzleramt. |
Was fehlt
Die Linke fehlt, weil ihre Außen- und Sicherheitspolitik eine Regierungsbeteiligung im Bund derzeit ausschließt; sie bleibt die Partei, die den jungen Protest im demokratischen Spektrum hält. Die FDP fehlt, weil sie in keinem Parlament sitzt, das zählt. Und es fehlt der Osten: Kein Name in dieser Liste kommt aus einem ostdeutschen Land. Das ist der Befund.
Theorie
Kampagne: Formate und Wirkung
Was Wahlkämpfe können, welche Formate belegt wirken und welche Strategie die größte Wirkung verspricht.
1. Was eine Kampagne kann und was nicht
Die Forschung ist ernüchternd und nützlich zugleich. Paul Lazarsfeld fand schon 1944 („The People’s Choice“), dass Wahlkämpfe Wähler selten umstimmen. Sie aktivieren Anhänger, verstärken Neigungen und wirken über Meinungsführer im Umfeld, nicht über die Botschaft selbst. John Sides und Lynn Vavreck bestätigten das 2013 für die Gegenwart: Wirtschaftslage, Regierungsbilanz und Parteibindung entscheiden den Rahmen, die Kampagne entscheidet an den Rändern, und die Ränder entscheiden knappe Wahlen. Joshua Kalla und David Broockman werteten 2018 alle verfügbaren Feldexperimente aus: Der Überzeugungseffekt von Kontakten und Werbung in allgemeinen Wahlen liegt im Schnitt bei null. Ausnahmen gibt es früh im Wahlkampf, bei unbekannten Kandidaten und in Vorwahlen.
Was Kampagnen können, ist deshalb dreierlei: die eigenen Wähler mobilisieren, die eigenen Themen wichtig machen und die Person glaubwürdig machen. Wer einen vierten Zweck verspricht, das Umstimmen der Gegenseite, verspricht meist zu viel.
2. Formate und ihre belegte Wirkung
Die Zahlen stammen überwiegend aus amerikanischen Feldexperimenten; die Größenordnungen gelten nach allem, was man weiß, auch hier. Einschätzungen des Verfassers sind als solche markiert.
| Format | Wirkung | Beleg | Eignung |
|---|---|---|---|
| Haustürgespräch | Mobilisierung: rund ein zusätzlicher Wähler je 14 erreichte Haushalte; Wirkung überträgt sich zu 60 Prozent auf Mitbewohner | Gerber und Green 2000; Nickerson 2008 | Stammwähler mobilisieren, Nichtwähler im eigenen Milieu |
| Tiefes Gespräch (Deep Canvassing) | Überzeugung: messbare Einstellungsänderung, nach drei Monaten noch vorhanden | Broockman und Kalla 2016, 2020 | Unentschiedene bei umstrittenen Themen; teuer, langsam, wirksam |
| Freunde werben Freunde | Persönliche Ansprache aus dem Bekanntenkreis wirkt stärker als Fremde; Facebook-Experiment 2010: rund 340.000 zusätzliche Wähler über Freundesnetze | Bond u. a. 2012; Lazarsfelds Meinungsführer | Jüngere Wähler, Milieus ohne Parteikontakt |
| Brief mit sozialem Druck | Mobilisierung: plus 8 Punkte Beteiligung, wenn der Brief zeigt, wer im Haus gewählt hat | Gerber, Green und Larimer 2008 | wirksam, aber in Deutschland kaum vermittelbar |
| Telefon | Mobilisierung: klein, wenn Freiwillige anrufen; fast null bei Callcentern | Gerber und Green, Überblick 2019 | Ergänzung, nicht Kern |
| Fernseh- und Onlinewerbung | Überzeugung: sehr klein (Bruchteile eines Punktes) und nach Tagen verschwunden | Coppock, Hill und Vavreck 2020 | Bekanntheit, Themensetzung; nicht Überzeugung |
| Plakate | Sichtbarkeit; auf Stimmen kaum messbar | Einschätzung, wenige Studien | Präsenz zeigen, Kandidaten bekannt machen |
| Eigene Kanäle (TikTok, Instagram, Kurzvideo) | Reichweite und Bindung, wenn eine Person sie trägt; Siegmund 800.000, Reichinnek an der Spitze | Bundestagswahl 2025, Sachsen-Anhalt 2026 | Junge Wähler; ohne Gesicht wirkungslos |
| Negativkampagne | Nicht wirksamer als positive Botschaften; senkt Vertrauen ins System und die Beteiligung leicht | Lau, Sigelman und Rovner 2007 (Metaanalyse) | selten sinnvoll; nie gegen Wähler, nur gegen Bilanz |
| Mediendiät | Wer einen Monat andere Sender sieht, ändert Einstellungen zu einzelnen Themen messbar | Broockman und Kalla 2022 (Fox-Zuschauer, CNN) | zeigt: Die Umgebung wirkt stärker als der Spot |
3. Vier Theorien, die eine Strategie tragen
Themenbesitz (Petrocik 1996). Wähler trauen jeder Partei bestimmte Themen zu: der Union Wirtschaft und Sicherheit, der SPD Soziales, den Grünen Umwelt. Kampagnen gewinnen, indem sie ihre eigenen Themen wichtig machen, nicht indem sie fremde Themen besetzen. Die Themenlandkarte dieser Seite ist eine Anwendung.
Klärende und angreifende Kampagne (Vavreck 2009). Wer von der Lage profitiert, führt eine klärende Kampagne: Er redet über die Wirtschaft und sonst nichts. Wer nicht profitiert, muss eine angreifende Kampagne führen: ein Thema wählen, bei dem er der Mehrheit nahe steht und der Gegner fern, und alles darauf konzentrieren. Vavreck fand, dass Kandidaten, die das falsche Muster wählen, verlieren.
Wettbewerbs- und Kompetenzthemen (Stokes 1963). Bei Positionsthemen streiten die Parteien über das Ziel (Migration, Verbrenner). Bei Kompetenzthemen wollen alle dasselbe (Wohlstand, Sicherheit, funktionierende Ämter), und es zählt, wem man es zutraut. Populismus verwandelt Kompetenzthemen in Positionsthemen; die Gegenstrategie macht Positionsthemen zu Kompetenzthemen: Ordnung als Frage, wer sie herstellt.
Empfangen, annehmen, abrufen (Zaller 1992). Meinungen entstehen, wenn Menschen Botschaften der Eliten empfangen, sie annehmen, wenn sie zur eigenen Neigung passen, und abrufen, was gerade oben liegt. Die mäßig Aufmerksamen sind am beweglichsten: Sie empfangen genug, um beeinflusst zu werden, und zu wenig, um zu filtern. Sie sind das Publikum jeder Kampagne, und sie sind dieselben, die Scherhags Essay auf der Populismus-Seite als Publikum des Faktenchecks beschreibt.
4. Welche Strategie die größte Wirkung verspricht
- Mobilisieren vor Überzeugen. Der größte belegte Effekt liegt bei den eigenen Anhängern, die nicht wählen, und bei den Nachbarn, die es tun, wenn man sie fragt. Die Linke hat 2025 mit 600.000 Haustüren gezeigt, was das in Deutschland bringt.
- Ein Thema, das man besitzt, wichtig machen. Petrocik und Vavreck zusammen: das eigene Thema wählen, bei dem die Mehrheit nahe steht, und es mit Zahl und Termin vertreten. Für die SPD ist das Wohnen, für die Union das verlässliche Regieren, für die Grünen der Strompreis, für die Linke die Mieten, für die FDP der Rechtsstaat.
- Eine Person, der man es zutraut. Woidke 2024, Özdemir 2026, Pistorius im Ranking: Kompetenz und Nähe schlagen Programm. Eigene Kanäle funktionieren nur mit einem Gesicht.
- Früh und lange statt spät und laut. Überzeugung wirkt, wenn überhaupt, früh und im Gespräch; Werbung in den letzten Wochen verpufft. Organisation ist keine Wahlkampfaufgabe, sondern Dauerbetrieb.
- Den Rahmen des Gegners nicht übernehmen. Lakoffs Regel, an der die Union 2025 gescheitert ist: Wer über das Thema des Gegners redet, auch dagegen, macht es wichtiger.
- Eine Erzählung, in der der Wähler vorkommt. Das Wir der Reparatur, ein Zustand als Gegner, Meilensteine, ein Ende: die Gegenerzählung von der Populismus-Seite.
5. Anleihen beim Playbook
Die Schwesterseite populismus.netlify.app beschreibt, wie Populisten Kampagnen führen. Ein Teil davon ist Handwerk, das jede Partei benutzen kann; ein Teil ist der Grund, warum sie es nicht sollte.
| Aus dem Playbook | Übernehmen | Nicht übernehmen | Nachlesen |
|---|---|---|---|
| Wiederholung und Fokus (Le Bon, Finkelstein) | Ein Thema, ein Satz, monatelang | Die Behauptung ohne Beweis | Hebel 5, Finkelstein |
| Das Wir (Laclau, Mouffe) | Ein Wir, das Forderungen verbindet; Leidenschaft | Das Wir gegen Menschen; der Feind | Mouffe, Wir gegen die |
| Der Retter (Weber) | Eine Person, der man Lieferung zutraut | Charisma ohne Bewährung; die Nachfolgefalle | Hebel 4, Weber |
| Der Sieg (Hebel 6) | Erfolge sichtbar machen, mit Namen und Zahl | Sieg erklären, wo keiner ist | Hebel 6 |
| Eigene Kanäle (Hebel 5) | Kurzvideo, Person, Bürgerdialog ohne Umweg über Redaktionen | Die Flut, die Widersprüche, den Zorn als Treibstoff | Medien |
| Die Erzählung (Campbell, Booker) | Suche mit Meilensteinen, Komödie als Ende | Verfall und Wiedergeburt; die Serie ohne Finale | Erzählstrukturen und Gegenerzählung |
| Die Tricks | Kennen, um sie zu erkennen und zu benennen | Benutzen | Nachschlagewerk |
| Was gewonnen hat | Reparatur statt Gegenfeind, Person statt Marke, Beteiligung als Waffe | – | Wer gewonnen hat und wie |
6. Anwendung auf die fünf Parteien
Einschätzung des Verfassers nach Vavrecks Muster: Wer profitiert von der Lage und klärt, wer greift an und mit welchem Thema.
| Partei | Lage | Kampagnentyp | Thema mit Vorsprung | Format-Schwerpunkt | Mobilisierungspotenzial |
|---|---|---|---|---|---|
| Union | Regierung, Umfragen fallend | Klärend, falls das Reformpaket wirkt; sonst angreifend auf Verwaltung | Verlässlich regieren; Arbeit und Mittelstand | Landesvater-Format: Kandidat mit Bilanz, Präsenz in Kommunen, ruhiger Ton | Ältere, die bleiben; Mitte, die zurückkommt, wenn der Rahmen der AfD verschwindet |
| SPD | Regierung, historisches Tief | Angreifend: Wohnen mit Zahl | Wohnen, Löhne, Pflege | Haustür in Ruhrgebiet und Norden; Pistorius als Gesicht | Gewerkschafter, Nichtwähler im eigenen Milieu, Aufsteiger |
| Grüne | Opposition, Aufwind | Angreifend: Strompreis und Heimat | Energiepreise, Naturschutz | Özdemir-Ton, Kurzvideo mit Gesicht, Landtouren | Junge zurück von der Linken, konservativ-ökologisches Land |
| FDP | Außerparlamentarisch | Angreifend: Rechtsstaat und Digitales | Bürgerrechte, Gründer | Landtagswahlkämpfe, Person mit Profil (Strack-Zimmermann) | Selbständige, junge Leistungsorientierte, wenn ein Gesicht da ist |
| Linke | Opposition, Aufwind | Angreifend: bezahlbares Leben | Mieten, Preise | Haustür (600.000 Türen 2025), TikTok mit Reichinnek | Junge Städter, Mieter, BSW-Enttäuschte im Osten |
Die größte Wirkung verspricht nach dieser Forschung keine Werbekampagne, sondern eine Organisation, die das ganze Jahr Haustüren, Nachbarn und ein Thema mit Zahl bedient. Das ist teuer und langsam. Es ist auch das Einzige, was in den Experimenten überhaupt wirkt.
Quellen
- Lazarsfeld, Berelson, Gaudet: The People’s Choice (1944)
- Sides, Vavreck: The Gamble (2013); Vavreck: The Message Matters (2009)
- Kalla, Broockman: The Minimal Persuasive Effects of Campaign Contact in General Elections, American Political Science Review (2018); Broockman, Kalla, Science (2016); Kalla, Broockman, American Political Science Review (2020); Broockman, Kalla: The manifold effects of partisan media on viewers’ beliefs and attitudes (2022)
- Gerber, Green: The Effects of Canvassing, Telephone Calls, and Direct Mail on Voter Turnout (2000); Gerber, Green: Get Out the Vote (4. Auflage 2019); Gerber, Green, Larimer: Social Pressure and Voter Turnout (2008); Nickerson: Is Voting Contagious? (2008)
- Bond u. a.: A 61-million-person experiment in social influence and political mobilization, Nature (2012)
- Coppock, Hill, Vavreck: The small effects of political advertising are small regardless of context, message, sender, or receiver, Science Advances (2020)
- Lau, Sigelman, Rovner: The Effects of Negative Political Campaigns, Journal of Politics (2007)
- Petrocik: Issue Ownership in Presidential Elections (1996); Stokes: Spatial Models of Party Competition (1963); Zaller: The Nature and Origins of Mass Opinion (1992); Lakoff: Don’t Think of an Elephant (2004)
Methode und Quellen
Was hier steht und was nicht
Die Profile trennen drei Arten von Aussagen. Erstens Daten: Wahlergebnisse, Nachwahlbefragungen, Umfragen, mit Datum. Zweitens dokumentierte Vorgänge: Beschlüsse, Zitate, Personalentscheidungen. Drittens Einschätzungen des Verfassers: Diagnosen, Positionierungsvorschläge, Personalbewertungen. Die dritte Kategorie ist als solche gekennzeichnet („Einschätzung“) und bewusst kritisch gegenüber allen fünf Parteien, auch dort, wo der Verfasser Sympathien hat.
Warum Marketing
Die Begriffe stammen aus der Markenführung: Kern (wofür die Partei steht, historisch begründet), Zielgruppe (wen sie erreicht und wen sie erreichen könnte), Positionierung (eine Botschaft, drei Schwerpunkte, ein Fokus), Lieferung (was sie in Regierungsverantwortung tatsächlich einlösen kann). Die Personalbewertung folgt drei Kriterien: gemessene Zustimmung, nachgewiesene Lieferung im Amt, Passung zur Zielgruppe.
Bezug zur Schwesterseite
Die Schwesterseite populismus.netlify.app („Anleitung für Populisten“) beschreibt das Playbook, mit dem Populisten Krisen aufführen, Feinde wählen und Siege erklären. Diese Seite fragt nach dem Gegenstück: Was müssen demokratische Parteien liefern und sagen, damit das Playbook keine Kunden findet. Die Diagnosen hier benutzen dieselben Begriffe: Rahmen kopieren, Keil, Bewährungstest. Die Kampagnenseite verweist an den passenden Stellen dorthin.
Quellen
- Bundeswahlleiterin: Ergebnis der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025
- Infratest dimap und Forschungsgruppe Wahlen: Nachwahlbefragungen zur Bundestagswahl 2025 (Alter, Beruf, Konfession, Wanderung); Aufbereitung bei fowid.de und bundestagswahl-bw.de
- Ipsos (Erhebung 26. bis 31. August 2026) und INSA (5. September 2026): Sonntagsfrage Bund; INSA-Politikerranking Sommer 2026
- ZDFheute: Ergebnisse der Landtagswahlen Rheinland-Pfalz (22. März 2026) und Sachsen-Anhalt (6. September 2026); Stuttgarter Zeitung und Landtag Baden-Württemberg zur Wahl vom 8. März 2026 und zur Regierungsbildung
- Bundesregierung, 24. Juli 2026: Kabinettsumbildung (Warken, Linnemann, Amthor)
- t-online, Tagesspiegel, ZDFheute 2026: Personal- und Strategiedebatten bei SPD, Grünen und FDP; FDP.de: Rücktritt des Bundesvorstands (23. März 2026)
- INSA/Tabula Rasa, Juni 2026: Nutzen oder schaden Grünen-Politiker ihrer Partei
- CDU.de, Februar 2026: Parteitag Stuttgart; t-online, Februar 2026: Spitzensteuer-Vorstoß Linnemann
- ZDF-Politbarometer, 23. Oktober 2025: „Stadtbild“
- Robert Habeck: Von hier an anders. Eine politische Skizze (Kiepenheuer & Witsch 2021; Taschenbuch mit Nachwort 2022)
- Destatis, Juni 2026: 13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das Rentenalter; IW-Kurzbericht 39/2026 (Deschermeier/Schäfer): Fachkräftelücke 4,3 Millionen bis 2036
- IAB/BIBB/GWS, November 2025: KI-Szenario; IAB-Substituierbarkeitspotenziale; Stanford/ADP 2026 zu Berufseinsteigern; PwC AI Jobs Barometer 2026; Bundesagentur für Arbeit, August 2026
- Destatis, 22. Mai 2026 (Baufertigstellungen 2025), 18. Februar und 17. Juli 2026 (Baugenehmigungen); IW-Wohnindex Ende 2025; JLL Wohnungsmarktüberblick H1 2026
- Alterssicherungskommission, Bericht vom 24. Juni 2026; BMAS; WirtschaftsWoche, 23. Juni 2026
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Stand: September 2026